Kriminalromane von Werner H. Klee

Leseprobe aus Teufel und die Illusionisten

Unser Hochzeitsabend

Darius setzte sich sofort an seinen PC und verbreitete die Neuigkeit, dass er jetzt Darius Teufel sei und er den Standesbeamten mit einem simplen Kartentrick dazu brachte, die Trauung schon heute anzusetzen.

Wenig später setzte dann der Trubel ein, und die Telefone im Haus rasselten unentwegt. Wir nahmen Glückwünsche in Empfang. Zunächst waren es meine Freunde aus Berlin und dann riss die Kette der Anrufe aus Bad Homburg überhaupt nicht mehr ab.

Um zwanzig Uhr schaltete ich meinen Anrufbeantworter ein, weil ich glaubte, Fransen an den Lippen zu haben, vom vielen reden. Aber selbst das ständige Schnarren des Beantworters ging mir auf die Nerven. Wir bekamen noch nicht einmal Zeit, eine vernünftige Planung zu machen, wie und wann wir das Ereignis im Kreise meiner Freunde und Bekannten feiern könnten.

Darius schnappte sich mein Rennrad und meinte nur: »Ich werde meine Energien abstrampeln«, und verschwand mit unbekanntem Ziel.

Ich nahm meine Olga in den Arm und erstmals nach unserer Blitzhochzeit nahmen wir uns einen Augenblick Zeit für uns. Ihre blauen Augen strahlten, wie heute Morgen schon bei meinem Erwachen. Es lag so viel Versprechen in diesem Lächeln, und ich wollte sie gerade nach oben tragen, als es an der Haustür schellte. Ich unterdrückte einen Fluch und ging zur Tür. Durch die Riffelglasscheibe sah ich eine grün gekleidete Gestalt. Ich schaltete immer noch nicht und erst als ich die Tür öffnete und mir ein Beamter der Schutzpolizei gegenüberstand, der mich fragte: »Sind Sie Waldemar Teufel?« bekam ich ein flaues Gefühl in der Magengegend.

War Darius etwas passiert? War er mit dem Rennrad in einen Verkehrsunfall verwickelt?

Ich bestätigte dem mir unbekannten Beamten, dass ich Teufel sei. Olga stand jetzt auch hinter mir und ihr Gesichtsausdruck zeigte die Ängste, die ich ausstand.

»Bitte kommen Sie sofort mit. Frau Wortmann möchte Sie dringend sehen.«

»Worum geht es denn? Ist etwas mit unserem Sohn?«

»Ich glaube nicht. Ich soll Sie dringend zu einem Tatort fahren, weil Sie telefonisch nicht zu erreichen sind.«

»Was soll ich an einem Tatort? Nicht genug, dass ich durch einen Mord heute fast zu spät zu meiner eigenen Hochzeit gekommen wäre und hinterher mein Wagen zur KTU geschleppt wurde, was habe ich mit Polizeieinsätzen zu tun?«

»Im Wagen können Sie über Funk mit Frau Wortmann Kontakt aufnehmen, Teufel. Sie hat es wirklich ganz dringend gemacht.«

»Ich will aber auch mitfahren«, meinte Olga hinter mir, »ich möchte nicht an meinem Hochzeitstag allein zu Hause sitzen, und noch nicht einmal wissen, warum man meinen Mann zu obskuren Plätzen verschleppt.«

Olga griff schon nach den Jacken an der Garderobe und vergewisserte sich, dass die Hausschlüssel darin waren und dann folgten wir dem Beamten. Den Fahrer kannte ich schon aus früheren Begegnungen. Es war ein älterer Beamter vom hiesigen Revier. Wir waren hinten eingestiegen und saßen kaum, als er die Sirene einschaltete und losbrauste. Der Beifahrer versuchte schon Verbindung mit Claudia Wortmann, der Leiterin der Bremer Mordkommission, aufzunehmen:

Ich konnte mir absolut keinen Reim darauf machen, warum sie mich abholen ließ. Zwar arbeitete ihr Lebensgefährte Heinz Peters in unserer Agentur, aber der war zurzeit mit den anderen Kollegen in Bad Homburg. Alle waren eingespannt in die internationalen Recherchen zu der Riesenfusion zweier Energieversorger.

Ich war nur freigestellt worden, weil wir das Vermächtnis des Herrn Waleska klären sollten. Dazu waren Olga und ich mehr in Polen, Amerika und in Skandinavien unterwegs gewesen, als dass wir hier mit Gewaltverbrechen in Berührung hätten kommen können.

Wir waren inzwischen aus dem Einbahnstraßengewirr meines Wohnviertels entronnen und jagten den Pastorenweg hinauf. Der Beifahrer hatte immer noch kein Glück bei seinen Versuchen, Claudia zu erreichen. Ich schrie gegen das ohrenbetäubende Jaulen der Sirene an und fragte den Fahrer, wo wir denn hin wollten. Er schrie zurück: »In die Nähe des Hemelinger Bahnhofs.«

Das beruhigte mich ein wenig, denn so weit konnte Darius unmöglich schon gefahren sein. Auch wenn er ein sportlich durchtrainierter Bursche war. Außerdem nahm ich an, dass er in andere Richtung gefahren sei.

Der Beifahrer gab seine Bemühungen auf und ich kam jetzt erst auf die Idee, mein Handy zu benutzen. Denn hier war auch die Nummer von Claudias privatem Handy gespeichert. Nach dreimaligem Klingeln meldete sie sich, und schien genervt zu sein.

»Endlich«, stöhnte sie, »wann werdet ihr hier ankommen? Die gemeldete Frauenleiche ist jedenfalls nicht da, wo man es uns am Telefon geschildert hat. Hier ist nichts, was auch nur auf eine Gewalttat hinweisen könnte. Wir haben nur ein Fotoatelier vorgefunden, wie man uns sagte. Die Tür stand offen, bzw. war nur angelehnt. Aber alles, was uns dein Bekannter als seine Entdeckung meldete, ist hier nicht vorhanden.«

Ich verstand Claudia nur bruchstückweise und konnte mir nicht vorstellen, welch ein Bekannter die Mordkommission fälschlich gerufen hatte. Noch weniger verstand ich, warum sie darauf bestand, dass ich mir diesen »Tatort«, der keiner zu sein schien, ansehen sollte.

Wir rasten inzwischen die Bismarckstraße hoch und Olga sah mich die ganze Zeit fragend an. Ich zuckte nur die Achseln. »Ist alles sehr merkwürdig. Ich verstehe bis jetzt noch gar nichts. Weder welcher Bekannter von mir Claudia gerufen haben könnte, noch warum sie mich so dringend sehen möchte.«

Als wir die Pfalzburger Straße hoch schossen und dann nicht wie von mir erwartet auf den Autobahnzubringer auffuhren sondern nach alt Hemelingen hinein, fragte ich mich automatisch, wann ich jemals hier in der Gegend zu tun hatte. Spontan fiel mir dazu nichts ein. Und als wir in die Straße »Zur Schmiede« einfuhren, war ich sicher hier noch niemals in meinem Leben gewesen zu sein. Der Wagen wurde langsamer und ich konnte die Ansammlung von Polizeifahrzeugen schon vor mir ausmachen. Sie standen vor einem Teil eines Lagerhauses, oder einer kleinen Fabrik und ein Beamter winkte den Streifenwagen ein. Offensichtlich hatte man Claudia schon Bescheid gegeben, denn sie trat aus einer Metalltür, die auf eine Laderampe führte. Sie kam mit wütendem Gesichtsausdruck auf uns zu und schimpfte: »Du solltest deinen Bekanntenkreis gehörig überprüfen, denn dies ist schon der zweite Idiotenstreich. Vor vier Wochen hat schon einmal ein Mensch bei uns angerufen und sich als Bekannter des Privatdetektivs Teufel ausgegeben. Wir sollten ins Kleingartengebiet im Findorf kommen. In einer Laube am Friggaweg, kurz unterhalb des Hochschulringes läge eine männliche Leiche. Er hat uns eine ziemlich detaillierte Beschreibung dieses Mannes gegeben, der erschlagen worden sein sollte. Als wir dort angekommen sind, haben wir nichts finden können, außer einer aufgebrochenen Gartenlaube. Spuren fanden wir massenweise. Aber alle stammten nur vom Inhaber des Schrebergartens und selbst das Einbruchswerkzeug, ein so genannter »Kuhfuß« war Eigentum des Inhabers und trug ebenfalls nur seine Fingerabdrücke. Dafür hatte man die ganze Laube kräftig mit Brandbeschleuniger vollgekippt und unsere Fachleute haben es sich so erklärt, dass der Inhaber einen Versicherungsbetrug begehen wollte, indem er seine Bude abfackelte. Der Bursche behauptete, dass man ihm einige wertvolle Sachen aus der Laube entwendet hätte. Unter anderem einen ziemlich wertvollen Teppich. Wir haben uns allerdings gefragt, wieso er ein solches Vermögen in seiner Gartenlaube aufbewahrte und nicht in seiner Sozialwohnung in der Kissinger Straße.«

»Aber Claudia warum musstest du uns heute so dringen hierher bestellen? Was soll ein Versicherungsbetrüger, der seine Gartenlaube im Findorf abfackeln wollte, mit einem angeblichen Mordfall hier in der Nähe des Hemelinger Bahnhofs zu tun haben. Nur weil wieder ein Anrufer behauptet hat, dass er ein Bekannter von mir sei?«

»Nein, Teufel. Die Geschichte aus dem Findorf ist auch noch nicht ganz zu Ende. Denn einen Tag später fanden wir drüben im Bürgerpark, oder besser gesagt im Stadtwald, eine männliche Leiche, die der Beschreibung, die dein Bekannter abgegeben hatte, sehr ähnelte. Sie war der Anfang der Mordserie an Pennern, die uns in den letzten Wochen so beschäftigt. Der Grund, warum wir uns um diesen »Tatort« hier erst am späten Nachmittag zuwenden konnte, weil der Schlächter in der letzten Nacht gleich dreimal zugeschlagen hat. Er hat eine ganze Spur im Bürgerpark gelegt. Die erste Leiche vorne am Hollersee, gleich beim Parkhotel. Die zweite Leiche lag nur circa vierhundert Meter weiter in der Nähe des Kinderspielplatzes und die dritte noch etwa 600 Meter weiter bei der Wiegand-Brücke. Der Anruf deines Bekannten kam gegen zehn Uhr heute Morgen herein, und da wir mit voller Mannschaft im Bürgerpark waren, ist hier nur ein Streifenwagen vorgefahren und hat ordentlich verschlossene Türen und alles ruhig vorgefunden. Die meisten Flächen dieses Hauses sind zu vermieten und der Streifenwagenführer hat den Makler hierher bestellt und sie haben die zu vermietenden Räume besichtigt. Es war alles in Ordnung und es war kein Fotoatelier installiert. Soweit der Makler wusste, waren auch die vermieteten Teile des Gebäudes als Lagerräume angemietet, aber hier besaß er natürlich keine Schlüssel zu den Räumen. Aufbrechen wollte der Streifenführer die Tür natürlich auch nicht und so sind sie wieder davon und haben unserer Abteilung benachrichtigt, dass es sich wohl um eine Falschmeldung gehandelt haben müsste. Nur gegen sechs Uhr heute Abend kam ein weiterer Anruf, bei dem wieder dein ominöser Bekannter uns mitteilte, dass man die Räume untersuchen solle, die von der Streifenwagenbesatzung ausgelassen worden sei. Dort würden wir die weibliche Leiche finden. Also haben wir uns über den Makler schlau gemacht, wer denn Eigentümer des Hauses ist, und wer Mieter der Räumlichkeiten sein soll. Der Makler konnte uns über den Mieter keine Auskünfte geben, weil dieser Teil des Hauses direkt vermietet worden sein soll. Und als wir endlich den Eigentümer in Frankfurt erreichen konnten, gab der uns einen Firmennamen, den wir sofort überprüft haben. Und jetzt kommt es: Eine Firma solchen Namens gibt es weder in Bremen, noch im Umland. Um neunzehn Uhr dreißig sind wir dann hier angekommen und haben die Tür durch einen Schlüsseldienst aufmachen lassen. Und dann haben wir eine Überraschung erlebt, wie man es sich überhaupt nicht vorstellen kann! Die Räume beherbergen tatsächlich ein Fotoatelier, aber in einem so genannten »Cleanraum«. Man betritt ihn durch eine Schleuse und befindet sich danach in einem staub- und keimfreien Raum. Und in diesem Raum fanden wir nicht eine einzige Spur. Bis jetzt konnte das neue Spurensicherungsteam von Prof. Dr. Denker außer unseren Spuren, die wir Polizisten hinterlassen haben, nicht eine Fremdspur entdecken. Keine Fuß, und erst recht keine Fingerabdruckspuren, sind zu finden. Eventuell eingeschleppte Faser, Erdkrümel oder sonstige Hinweise gibt es nicht. Es ist zum wahnsinnig werden. Es ist so, als ob diese Räumlichkeiten noch nie ein Mensch betreten hat. Da kann also auch keine Leiche gelegen haben, wie dein »Bekannter« behauptete.«

Claudia betonte den Bekannten, wie sie sonst nur von besonders Anrüchigem sprach. Selbst Olga sah sie verwundert an.

In dem Augenblick wurde die Tür, aus der Claudia gekommen war, aufgerissen und eine junge Frau in der typischen Kleidung der Spurensicherer schrie aufgeregt: »Kommen Sie, Frau Wortmann, da passiert etwas sehr Merkwürdiges. Der Drucker fängt plötzlich an zu drucken.«

Wir rannten zu dritt los. Schon an der Tür brüllte ein Mann, der ebenfalls in einem Schutzoverall gekleidet war: »Nicht noch mehr Spuren verursachen. Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich komme gleich, wenn sie fertig sind, mit den Ausdrucken heraus.«

Ich sah dem Mann verwundert nach, als sich die Tür der Schleuse wieder schloss: »Wer war das denn?«

»Unser neuer Zauberkünstler und Spurenleser. Unser Professor, der nicht nur die Spuren mit den modernsten Mitteln sichert, wenn wir zu Tatorten gerufen werden, sondern auch noch hier an der Polizeiakademie Vorträge zur Ausbildung der Nachwuchskräfte hält. Von den technischen Hilfsmitteln, die er zur Verfügung hat, sind wir auf dem Gebiet der Spurensicherung inzwischen führend in der Bundesrepublik. Und dabei ist er auch noch so intuitiv veranlagt, dass er Dinge in Zusammenhang bringt, wie das sonst nur du kannst, Teufel,« schwärmte Claudia.

Ich war einigermaßen verwundert, denn ich hatte von diesen Veränderungen in der Bremer Polizeiarbeit bisher nichts mitbekommen.

Wir warteten geduldig bis schließlich sowohl der Professor, als auch die junge Frau in ihren Raumanzügen aus der Schleuse traten.

Der Mann sah mich lange prüfend an und hielt mir dann die Hand hin: »Sie müssen dieser Teufel sein. Denker!«

Dann streckte er die Hand auch zu Olga aus und sagte entschuldigend: »Ist normalerweise nicht meine Art, die Herren vor den Damen zu begrüßen. Aber ihn glaube ich zu kennen, und Sie kenne ich nicht.«

»Meine Frau«, klärte ich ihn schnell auf.

Claudia wollte etwas sagen, aber Olga kam ihr zuvor: »Wenn auch erst seit ein paar Stunden. Aber jetzt ist es amtlich und auch Darius ist nun als leiblicher Sohn von Teufel anerkannt. Claudia, du hast bestimmt noch nicht mit Heinz telefoniert, sonst wüsstest du es. Dieser merkwürdige Abend ist unser Hochzeitsabend, den wir eigentlich ganz anders verbringen wollten.«

Denker gratulierte und meinte: »Heute scheinen eine ganze Menge unvorhergesehene Dinge zu geschehen. Sie werden von Ihrer Hochzeitsfeier mit dem Streifenwagen abgeholt zu einem Tatort, der keiner ist. Und der uns darum mehr Kummer und Sorgen bereitet, als wenn wir hier wirklich eine Leiche gefunden hätten. Und als wir glauben absolut keine Spuren entdecken zu können, fängt plötzlich der Fotodrucker an zu spinnen.«

Er hielt zwei DIN A4 Blätter in die Höhe und ich kann sofort erkennen, dass Fotos darauf enthalten sind. Eine Minute später wissen wir, dass es wirklich keine schönen Fotos sind. Die Frau auf den Bildern ist zwar eine Schönheit, aber leider eine tote Schönheit, wie uns die Blutlache unter ihrem Kopf aussagt. Auf dem zweiten Foto kann man erkennen, dass die Aufnahmen in einem Fotoatelier aufgenommen worden sein mussten. Und ich frage sofort: »In dem Atelier, aus dem Sie gerade kamen?«

»Ja. Oder man hat es in einem Atelier gemacht, welches genau gleich dem Hiesigen ausgestattet ist. Aber das glaube ich nicht, obwohl die Spuren, die hier nicht vorhanden sind, eine ganz andere Sprache sprechen. Kommen Sie, Herr und Frau Teufel und auch Sie Frau Wortmann. Drinnen können wir keine Spuren mehr verwischen und den Fotodrucker werde ich zu uns ins Labor transportieren lassen. Dort werde ich sicherlich herausfinden können, wieso das Ding plötzlich anfing, zu drucken.«

»Dann lassen Sie am besten die Computeranlage ebenfalls dorthin transportieren. Ich schätze der Drucker ist als Netzwerkdrucker anzusprechen und lässt sich über Internet aktivieren und mit Druckaufträgen füttern. Aber raffiniert gemacht ist es auf jeden Fall.«

Ich sah mich in diesem Atelier genau um und versuchte die Atmosphäre der Räumlichkeiten aufzunehmen. Aber dazu kam ich nicht, denn es waren zu viele Menschen im Raum, die sich mit den verschiedensten Dingen beschäftigten. Und während ich mich umschaute, beschlich mich ein äußerst ungutes Gefühl. Mich fröstelte. Und irgendetwas machte mich in diesen sterilen Räumen hochgradig nervös. Dabei übersah ich, dass Olga wie ich zu empfinden schien, denn sie sagte halblaut: »Lass uns von hier verschwinden, Teufel. Etwas an diesen Räumen ist unheimlich.«

Während die Techniker in aller Eile die Computeranlage und den Drucker abbauten und die Teile aus dem Raum brachten, besah ich mir die Kamera- und Videoausrüstung, die im hinteren Raum aufgebaut oder gelagert waren. Hier war es nicht so schattenlos taghell, wie vorne. Hier herrschte eine vergleichsweise Dämmerung, weil beide Räume durch eine verdunkelnde Glaswand getrennt waren. Ich erfasste nur, dass es sich um teuerste Spitzentechnik handelte. Die schwere Videokamera auf dem Studiostativ hätte Vrede, meinen Kompagnon in Sachen Medienanstalten, ins Schwärmen gebracht, und hätte bestimmt auch in jedes Aufnahmestudio einer öffentlich rechtlichen Medienanstalt gepasst. Ich wunderte mich nur über die in der Decke verschwindenden Stahlseile, die dieses Ungetüm zu sichern schienen. Als ich den Raum wieder verließ und in die Helligkeit des Büro- oder Digitalstudios trat, erfasste mich fast Panik, als ich eine kleine rote Leuchte an der Seite der Studiokamera aufleuchten sah. Es sah aus, als wenn die Kamera auf Aufnahme geschaltet hätte.

Ich nahm Olga an die Hand und zischte ihr zu: »Die Umgebung macht mich hier krank. Hast du eine Idee, was die vielen kleinen Öffnungen in der Decke zu bedeuten haben?«

»Nee, aber geheuer ist es mir hier bestimmt nicht. Dieser Professor Denker wird dir sicherlich sagen können, was es auf sich hat mit den kleinen Löchern. Ich will hier nur noch raus.«

In der Schleuse wartete Denker schon auf seine letzten Männer, die auch die allerletzten beweglichen Teile abtransportierten, und drehte dann das Licht aus. Mein letzter Blick fiel wieder auf die immer noch glimmende rote Lampe der Studiokamera. Dann schloss sich hinter uns die Schleusentür hermetisch. Die vordere Schleusentür wurde ebenfalls über einen Schalter, gleich hinter der Metalltür, die uns wieder in die Abendluft brachte, geschlossen. Denker trug immer noch seinen Raumanzug und es raschelte vernehmlich, als wir gemeinsam hinüber zu dem Kastenwagen der Technik gingen. Claudia war schon ins Präsidium gefahren, hinterließ aber die Order, dass man uns ebenfalls dort hinfahren sollte. Denker hatte sich aus seiner Plastikkleidung geschält und rief zu uns rüber: »Sie können bei mir im Wagen mitfahren.«

Olga setzte sich freiwillig nach hinten und ich nahm auf dem Beifahrersitz platz.

Denker startete schon, als ich noch nicht angeschnallt war, und legte auch gleich mit seinen Überlegungen los:

»Das war zumindest der denkwürdigste Ort, den ich nach Spuren untersuchen sollte. So etwas habe ich noch nicht erlebt, dass es wirklich keine noch so kleine Spur zu entdecken gab. Alles war so sauber und restlos clean, so makellos, wie ich es noch nie erlebt habe. Es sah so aus, als wenn dieser Raum noch nie betreten worden sei, und auch die Spuren, die von den Bauarbeitern, die dieses Wunderwerk errichteten vernichtet worden sind. Wie, ist mir bisher immer noch schleierhaft.«

»Was bedeuten eigentlich die vielen kleinen Löcher in der Decke des Raumes?«

»Das sind die Düsen, die langsam sinkende Nebel in den Raum blasen, wenn er leer ist, um die herumwirbelnden Staubteile, die sich während des Aufenthaltes von Menschen in den Räumen von ihnen gelöst haben, aufsaugen und auf dem Boden festhalten. Der wird dann mechanisch aufgewischt und die Filter in die diese Partikelchen aufgesogen werden, kommen in einen Verbrennungsofen außerhalb der Räume. Mensch, Teufel, das ist überhaupt die Idee. Nachdem ihr »Bekannter« die Räume betrat und die Leiche entdeckte, wurde der automatische Reinigungsvorgang ausgelöst, und somit auch seine Spuren vernichtet. Ich werde Morgen die gesamte Mannschaft nochmals dorthin senden, damit sie die Filter der Absaugvorrichtung ausbauen und mir zur Analyse übergeben können. Dann kommen wir eventuell doch noch weiter. Haben Sie eventuell Möglichkeiten mir von Ihrem Bekannten Haare, oder andere Identifikationsgegenstände zu besorgen?«

»Professor Dr. Denker bisher weiß ich noch nicht einmal, wer dieser »Bekannte« wohl sein könnte, wie soll ich Ihnen dann Mittel in die Hand geben, die ihn eindeutig identifizieren könnten und damit belegen, dass er wirklich an diesen Orten war.«

»Lassen Sie den Professor und auch den Doktor weg und nennen mich einfach nur Denker oder Frank. Ich habe so viel über Sie inzwischen gehört, dass ich auch nicht auf die Idee kommen würde, Sie Herr Teufel anzureden. Und ich hoffe, dass ich auch Olga zu Ihnen sagen darf?«

Dabei wandte er sich bei seiner rasanten Fahrweise zu Olga um, und mir wurde ganz schummerig, weil er nicht auf die Fahrbahn achtete. Olga antwortete von hinten: »Klar, dem steht nichts im Weg.«

Lächelnd achtete Denker wieder auf den Verkehr vor uns, und als wir auf den Hof des Präsidiums fuhren, meinte er nur: »Dann wollen wir sehen, dass wir anhand der Sprachaufzeichnungen auch herausfinden können, wer dieser Mensch ist, der sich als Ihr Bekannter ausgibt.«

Gemeinsam gingen wir in die Mordkommission zu Claudia Wortmann. Sie telefonierte hektisch, und an den kleinen roten Flecken auf ihren Wagen konnte ich erkennen, dass sie mehr als hektisch war. Als sie den Hörer schwungvoll auf die Gabel knallte, wusste ich warum.

»Die gesamten Bänder mit den Anrufen dieses Menschen, der sich als dein Bekannter ausgegeben hat, sind verschwunden. Meine Anordnung, dass diese Mitschnitte aus den Überwachungsbändern erstellt werden müssten, scheint irgendein Vollidiot in den falschen Hals bekommen haben, und hat sie, anstatt auszuschneiden, geschreddert. Die Originalanrufe! Und natürlich will es keiner gewesen sein. Ich könnte da unten Bomben reinwerfen!«

»Scheiße«, entfuhr es mir, »ich weiß mit bestem Willen nicht, wer solche Anrufe hierhin absetzen sollte. Ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, wer es aus meinem weitläufigen Bekanntenkreis sein könnte und was dieser Mensch damit bezweckt. Weißt du wenigstens, ob es ein »Bekannter« oder eine »Bekannte« ist, die euch auf diese zweifelhaften Spuren geschickt hat?«

»Zweifelsfrei eine männliche Stimme. Man hat mir die Anrufe ja hierher überspielt und ich habe sie persönlich gehört. Das war ein Mann und keine Frau, die über eine tiefe Stimme verfügte.«

»Meinst du, dass die Botschaften direkt, und nicht über einen Sprachverzerrer gesandt worden sind?«

»Sie haben sich sehr natürlich angehört. Und ich konnte auch Angst daraus hören, wie der Mann sprach. Klares Hochdeutsch, aber ein wenig genuschelt. So, als habe er entweder ein paar Zähne zu wenig, oder aber, dass er schon etwas zu viel Alkohol intus hatte. Aber die Angst war da. Bei dem letzten Anruf hörte es sich so an, als wenn es aus einer offenen Telefonzelle geschah, denn ich hörte Autogebrumme und eine Hupe.«

»Dann lasse die Rufnummern der gelöschten Sprachaufzeichnungen herausfinden. Vielleicht kommen wir so dem Anrufer auf die Spur, weil wir die Standorte der Telefone kennen.«

»Die Daten sind doch bestimmt gleich mit geschreddert worden.«

»Wie kommst du auf solch eine Idee?«

»Wenn ich Anweisung gebe, die Daten auszuschneiden, und mir zu konservieren und die werden stattdessen geschreddert, dann ist das Methode. Und dann war man sicherlich auch so gründlich, auch die damit zusammenhängenden Daten zu löschen.«

»Dann gehst du also davon aus, dass es einen Saboteur in euren Reihen gibt. Anders kann ich deine Worte nicht interpretieren. Auf welchem Apparat hast du eigentlich die letzte Meldung angenommen? Die von heute Nachmittag?«

»Warum fragst du? Auf diesem hier.«

»Gut. Dann werde ich selbst einmal in die Telefonzentrale gehen. Denn, die internen Gespräche werden ja ebenfalls mitgeschnitten und daher gibt es zumindest von der letzten Durchleitung auf diesen Apparat noch zusätzlich einen Mitschnitt, den ich sichern kann. Wenn ich jetzt nur noch eine möglichst genaue Zeit wüsste, wann du hier telefoniert hast, dann sollte ich es innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten anhören können. Wenn dieses Gespräch dann auch noch fehlen sollte, kannst du endgültig davon ausgehen, dass ihr einen Maulwurf bei euch in der Technik sitzen habt.«

»Aber ich kann dir als Privatperson doch keine Erlaubnis erteilen, interne Dienstgespräche aus dem Zimmer der Mordkommission abzuhören! Unmöglich Teufel!«

»Tja, Claudia, dann war es das wohl mit der Zusammenarbeit. Ich kann dir dann nicht weiterhelfen. Wir fahren dann nach Hause, um wenigstens den Rest unseres Hochzeitsabends in Ruhe und Gemütlichkeit zu verbringen. Aber ich sollte schon unseren Sohn von hier aus eben benachrichtigen können, wo wir überhaupt abgeblieben sind.«

Claudia sah mich und auch Olga mit großen Augen an, während ich nach ihrem Telefon griff und anfing zu wählen. Sie stotterte plötzlich: »Ist das denn wirklich wahr? Habt ihr heute wirklich geheiratet? Ich hielt es vorhin für Geschwätz!«

Darius meldete sich ein wenig aufgeregt. Das legte sich erst wieder, als ich ihm mitteilte, wo wir gerade waren. Er war erleichtert, denn er hatte sich nicht vorstellen können, wohin wir denn wohl verschwunden sein könnten. Er machte dann einen sehr vernünftigen Vorschlag, indem er sagte: »Dann könnt ihr ja den Wagen gleich wieder benutzen, den sie heute Morgen zur KTU geschleppt haben.«

»Ja, das werde ich versuchen. Und du solltest dich über den Hauptrechner über das Telefonprogramm hier auf dem Apparat von Claudia Wortmann, mit der Durchwahlnummer 1855 einwählen, damit ich etwas feststellen kann. Ruf mich schnell zurück, aber behalte das Handy, über das ich dich jetzt angerufen habe, weiter bereit. Ich möchte dir darüber noch einige andere Anweisungen geben.«

»Okay, Paps. Ich ruf in einer Minute zurück.«

Ich legte auf und wandte mich sofort an Claudia, die im Moment darüber von Olga aufgeklärt wurde, was sich heute Morgen im Standesamt abgespielt hatte: »Claudia, du musst aber noch dafür sorgen, dass ich später den Wagen, den man während der Zeit abgeschleppt hat, von hier aus wieder mitnehmen kann. Dass mein Wagen nichts mit den Morden im Bürgerpark zu tun haben kann, wird dir PK Kummer vom 11. Revier bestätigen können, denn der hat uns dort vor der Messe vorfahren sehen und wusste, dass wir ihn dort stehen lassen würden.«

Ihr Telefon klingelte und ich hob den Hörer sofort wieder auf. Das trug mir zwar einen verwarnenden Blick seitens Claudias ein, aber Olga sprach weiter auf sie ein. Ich gab kurze technische Anweisungen an Darius und Olga zeigte ihren Ring, den der Filius für uns anfertigte. Claudia stand auf und nahm Olga gratulierend in den Arm, und als Claudia dann auch mich zukam, um mich ebenfalls zu umarmen, standen meine Anweisungen an Darius und ich legte auf und nahm Claudias Gratulation in Empfang.

Nach der Umarmung sagte ich ihr nur: »Gib bitte an die KTU die Anweisung, dass wir mit dem Wagen wieder nach Hause fahren können und dann versuche doch die Standorte des Anrufers zu orten, die mein »Bekannter« genutzt hat. Ich komme dann Morgen früh wieder her, und wir versuchen herauszufinden, wer sich da als mein Bekannter ausgibt, um euch in die Irre zu leiten.«

Sie gab die notwendigen Anweisungen an die Technik und wir verabschiedeten uns. Ich gab ihr zu guter Letzt nur noch den Ratschlag, dass sie das Gelände in Hemelingen am besten bewachen lassen solle, weil ich befürchtete, dass man dort etwas manipulieren könnte.

»Eine einfache Versiegelung dürfte nicht reichen. Da sollte schon ein Beobachtungsteam stehen.«

»Wozu Teufel. Denker hat uns doch schon mitgeteilt, dass es dort keine Spuren zu sichern gab. Also wird man auch nicht versuchen, nachträglich welche zu legen.«

Ich zuckte nur die Achseln und machte mir so meine eigenen Gedanken. Denker hatte gesagt, dass er am nächsten Tag, die Filter bergen wolle, um aus den Rückständen eventuelle Spuren auslesen zu können. Und mir war in diesen Räumen unwohl gewesen und das gleiche Gefühl hatte Olga verspürt. Und von meiner Beobachtung, dass die Studiokamera sich eingeschaltet haben könnte, wusste auch kein Mensch.

Drei Minuten später saßen wir in unserem Auto und verließen das Polizeigelände. Olga sah mich fragend an und ich bestätigte ihr, dass wir wohl ein wenig später wüssten, wer denn dieser Anrufer wäre, der immer mit Nennung meines Namens die Mordkommission narrte.

Ich fuhr konzentriert und schnell. Olga lachte leise an meiner Seite auf: »Genauso habe ich mir unsere Hochzeit vorgestellt, mein Lieber. Romantisch. Ein Liebesgeflüster bei Kerzenschein und einem tollen Wein und ein Mann, der mir den ganzen Abend tief in die Augen schaut, und dann verlangend auf mein Dekolletee. Der mich dann auf seinen Arm nimmt und mich zu einem Himmelbett trägt und mich schrecklich intensiv liebt. Aber ich hätte es besser wissen müssen. Die Liebesnächte sind schon gewesen, aber werden bestimmt wieder kommen, wenn nur der nächste Fall gelöst ist. Teufel, ich spüre deine Jagdinstinkte, deine Unruhe. Meinst du, dass wir schon wieder in Gefahr sind?«

»Ja Olga. Ich spüre die Gefahr. Und wir sind spätestens seit heute, nachdem wir in diesem verfluchten Atelier waren, auf der Abschussliste eines, oder einer Wahnsinnigen, der oder die glaubt, die Welt von Pennern befreien zu müssen. Und wir scheinen dieser Person schon jetzt zu nahe gekommen zu sein und sie besitzt Bilder von uns. Von mir bestimmt, und da ich nicht weiß, wie die Kameraeinstellung war, weiß ich nicht, ob sie auch dich erfasst hat. Dieses Atelier ist überwacht."

 

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